Steffen Böttcher

Die Karriere von Steffen Böttcher begann bereits sehr früh. Als Sohn eines Fotografen pendelte er bereits im Kindesalter zwischen Shooting und Dunkelkammer und erlangte so die wohl ausführlichste fotografische Ausbildung fern jeder Universität. Seine berufliche Laufbahn startete er jedoch im Marketing, wo er in den folgenden zehn Jahren als Key Account Manager für namhafte Kunden arbeitete. Sein fotografisches Auge wollte jedoch mehr und so entschloss er sich im Jahre 2000 als „Der Stilpirat“ zur Selbstständigkeit und arbeitete überwiegend als Grafik-Designer. Im Jahre 2009 wechselte er zur Fotografie und arbeitet heute überwiegend als Hochzeits- und Porträtfotograf.

 

 

 

 

Der Stilpirat. Ein unverwechselbarer Name. Wie kamst du darauf?

Er entstand aus einer Diskussion heraus, wie viel unseres Outputs wirklich aus uns selbst kommt – also künstlerisch gesehen. Jeder Künstler sucht Inspiration und orientiert sich in seiner Entwicklung an Vorbildern. Am Ende findet eine Melange aus allen Einflüssen den Weg in die Kunst jedes Einzelnen. Im Grunde die alte Diskussion: Wer war eher da – die Henne oder das Ei? Ich inspiriere mich durch die Kunst anderer sehr bewusst. Für mich ist das ein sehr leidenschaftlicher Prozess. Ich nehme mir, was ich kriegen kann. Ich bin ein Stilpirat.

Normalerweise ist die Fotografie erst ein Hobby, ehe man sich dann dazu entscheidet eine Ausbildung/Weiterbildung zum Grafiker zu machen. Bei dir war es umgekehrt. Wie kam es dazu?

Mein Vater ist Fotograf. Im Grunde sollte mein Weg vorbestimmt sein, doch ich interessierte mich zunächst für Werbung und Marketing und habe mich im zweiten Schritt in Grafik-Sachen reingefuchst. Der Grund war, dass mich das, was ich an Gebrauchsgrafiken sah, furchtbar langweilte. Ich vermisste Leidenschaft und Ideen, lernte jedoch schnell, dass es daran im Grunde nicht hapert. Es fehlt eigentlich immer nur am Mut der Verantwortlichen. Nach 15 Jahren hatte ich es satt, als Grafiker zu arbeiten. Diese endlosen, zu nichts führenden Diskussionen darüber, wie der Verbraucher eine Gestaltung versteht und ob er klug genug ist, den Produktnamen in 40 Punkt Schriftgröße über der Produktabbildung zu finden, empfand ich als Hanebüchen und wenig wertvoll für mein Leben.

Gab es ein Hochzeitsshooting, an das du dich ganz besonders gern erinnerst?

Ich erinnere mich an jedes einzelne Paar ganz besonders, weil die Geschichte eines jeden Paares wahnsinnig interessant ist und ganz viele Geschichten mitbringt. Das klingt abgedroschen, ist aber so. Ich baue zu meinen Paaren eine sehr intime Beziehung auf und mache grundsätzlich lange Vorgespräche, in denen sich die Paare emotional öffnen müssen. Ich erfahre, wie sie sich kennen- und lieben gelernt haben und was sie am jeweils Anderen schätzen und hassen. Paare, die das nicht können, begleite ich nicht auf ihrer Hochzeit. Ich selbst erzähle ebenfalls viel über mich, so dass die beiden immer wissen, mit wem sie es zu tun haben. Wir bauen zueinander eine ganz bestimmte Chemie auf, die möglich macht, dass keiner Scheu hat vor dem anderen zu heulen. Ich behaupte mal, dass ich jedes Paar in den Arm nehmen könnte, ohne dass sich dabei jemand komisch fühlt.

 

 

 

Was liebst du an deinem Job am meisten?

Alles! Ich kann das nicht auf irgendwas reduzieren. Ich liebe die Vielfalt, die Möglichkeiten und die Chance auf das Festhalten von Momenten. Ich bin süchtig nach diesen kleinen und großen Geschichten, die einfach passieren. Ich liebe das Zelebrieren von Ritualen und die bedeutungsschwangeren Regeln und Nebensächlichkeiten, die zu uns Menschen gehören. Das alles gehört zum Leben und ist ein Film, dessen Drehbuch jeden Tag neu geschrieben und abgedreht wird und ich bin glücklich darüber, der Kameramann zu sein.

Erinnerst du dich an dein erstes Foto?

Ja, ich kann mich ziemlich genau an mein allererstes Foto erinnern. Ich hatte mich als Schüler in einer Foto-AG eingetragen und bekam von irgendjemandem aus der Verwandtschaft eine alte russische 6×6 Faltenbalg-Kamera in die Hand gedrückt. Ich ging mit dem Kursleiter und ein paar Schulfreunden das erste Mal auf einen “Photo-Walk” und war etwas neidisch auf die anderen, denn die hatten schicke, silberne Kleinbild-Beirettes in der Hand, mit denen man 24 Bilder machen konnte. Meine alte Russin hingegen konnte ob des Formats nur zwölf Bilder machen. Ich könnte bis heute die Stelle genau beschreiben, an der mein erstes Foto entstand und ich weiß genau was drauf war. Ich könnte es sogar aus dem Kopf genau nachzeichnen, obwohl es vor wenigstens 30 Jahren irgendwo verschollen ist. Es hat sich bei mir eingebrannt, weil wir es direkt nach dem gemeinsamen Spaziergang als erstes im Schullabor entwickelt und vergrößert haben. Zu sehen war eine Brücke über einem Fluss. Das Licht spiegelte sich im Wasser und reflektierte auf die Brückenunterseite, die dadurch hell erleuchtet war. Ich war wahnsinnig stolz und hielt das bereits für Kunst.

Was gehört deiner Meinung nach auf jeden Fall unter das Bett eines Fotografen?

Ich habe mir mal den „Feininger“ (Große Fotolehre) geholt, weil alle sagten es sei das Referenz-Buch der Fotografie. Sollte in jedem Regal stehen, hieß es. Ich hab es jedoch nie zu Ende gelesen, weil mich allgemeingültige Literatur langweilt. Mich interessieren subjektive Betrachtungen und Herangehensweisen in der Fotografie. Ich gehe lieber raus und lerne mit und an der Kamera. Mich beeindrucken Foto-Bände. Ich muss gar nicht viel darüber lesen, wie Fotos entstanden sind und was sich der Künstler dabei gedacht hat. Ich will ein Foto bereits auf den ersten Blick verstehen. Bei den Fotos von Yousuf Karsh, Sally Mann oder Neil Krug tue ich das.

 

 

Wo liegen momentan deine fotografischen Schwerpunkte?

Mein momentaner Schwerpunkt im Sinne von Auftragsvolumen ist die Hochzeitsfotografie. Ich habe allerdings vor einiger Zeit die Großformat-Fotografie für mich entdeckt. Ich bin absolut fasziniert von der Herangehensweise, den Möglichkeiten und den Ergebnissen. Mir geht es gar nicht um das Pixepeeping, vielmehr finde ich hier für mich fotografische Ausdrucksmöglichkeiten, die ich im Kleinbild und Mittelformat vermisse. Es ist ein so spannendes Feld, dass ich jeden freien Tag herbei sehne.

Arbeitest du konzeptionell oder konzeptlos?

Ich habe eigentlich immer ein Konzept. Selbst bei einer Hochzeitsreportage habe ich das Bild, das ich mitnehmen will, schon grob im Kopf. Ich bereite mich auf jedes Shooting recht intensiv vor und überlege mir Motive und Posen. Ich freue mich zwar immer über unvorhergesehene Dinge, will und kann mich allerdings nicht auf sie verlassen.

Du hast 14 Tage frei, was machst du?

Oh, das kann ich Dir ziemlich genau sagen. Ich packe meine Großformat-Kamera und eine Ladung Filme in den Koffer und fliege nach Spitzbergen. Was ich dann dort mache, brauche ich wohl nicht weiter ausführen.

 

 

Um nochmal auf das Hochzeitsthema zu kommen: Falls du heiraten solltest (bist du es schon?), wer wird deine Hochzeit fotografieren? (Wer hat deine Hochzeit fotografiert?)

Ja, ich bin glücklich verheiratet. Wir beide haben ganz alleine auf einem Leuchtturm auf einer Nordsee-Insel geheiratet. Die drei Hochzeitsfotos hat der alte Kapitän gemacht, der uns getraut hat. Ich würde es jederzeit wieder genau so machen. Drei Fotos aus der Hand eines „Nicht-Fotografen“ können so wertvoll sein.

Was machst du als erstes, wenn du deine Kamera aus der Hand legst?

Dann schnappe ich mir meine Kinder.

 

Steffen Böttcher Der Stilpirat